Farm

Gather better

Von Marie (Farm)

„Entschuldigung, wer bist du denn? Und was machst du hier?“

Tobi, der nette Typ, der während des Farm-Gathering-Morning-Circles die Stellung an der Bar hält, starrt mich ungläubig an. Ich starre durch meine großen Sonnenbrillengläser zurück, bemüht, ernst zu bleiben. Ich will losprusten und gleichzeitig in meiner Rolle bleiben.

Goldglitzer, Lippenstiftflecken, blutrote Farbe und Erde auf Körper, Gesicht und weißem Kleid, dazu Sonnenbrille und Fellmütze: Ich habe das Spiel mit meiner Rolle als Botin also inzwischen so weit getrieben, dass Tobi meinen Aufzug und mein hektisches Hin- und Herhechten, während ich Granatapfelkerne in Schüsseln verteile, nur noch durch geistige Umnachtung erklären kann:

„Hast du was genommen?!“

Da sitze ich, kurz vor meinem täglichen Auftritt in meiner eigenen Veranstaltung und gehe als eingeschlichener Druffie durch.
GEIL.

Energie schießt durch meinen Körper, ich kann sie nicht mehr halten, gefrorene Granatapfelkerne preschen in weitem Bogen aus meinem Mund.

Die Botin ist eine von mir erfundene Pop-Schamanin. Jeden Morgen lädt sie die 120 Teilnehmer:innen des Farm Gatherings zu einer kurzen Passage ein – einer Mischung aus Aktionismus, Psychomagie und Performancekunst.

Mal suchen wir kollektiv Antworten in herbeigeschafften Büchern, dann lässt die Zahlenmagie der Würfel Menschen in zufälligen Gruppen zusammenfinden. Oder es kommt die Aufforderung, sich gegenseitig mit Erde und Goldglitzer zu markieren.

Nicht zu erklären, warum wir das tun – das ist für mich als Co-Kreateurin dieses Farm Gatherings neu, aufregend, wild.

Als Lehrerin an Schulen und beim Goethe-Institut war ich verantwortlich für Orientierung und Verstehen. Ich rahmte, moderierte, erklärte, erklärte nochmal und sorgte dafür, dass alle „mitkommen“ – und zwar dorthin, wo das Lernziel lag.

Auch meine bisherigen Auftritte bei den Farm Gatherings funktionierten ähnlich: Ich suchte mir ein Thema – Warum Gemeinschaft? Sind wir „von Natur aus“ mono oder poly? – und hielt den Teilnehmer:innen ein gut formuliertes Referat darüber.

Das war ein safer Weg, persönlich in Erscheinung zu treten, meinen Intellekt glänzen zu lassen und zugleich die Erfahrung der Gruppe zu kontrollieren:
zuhören – verstehen – im besten Fall erkennen.

Die Botin aber versucht gar nicht erst, die Interpretationen und Reaktionen der Gruppe zu steuern.
Sie muss niemanden davon überzeugen, dass ein Akt funktioniert – oder warum. Sie stellt etwas in den Raum, eröffnet die Passage und tritt einen Schritt zurück.

Als Lehrerin war meine Führung durch die Institution legitimiert, die mich autorisierte.
Auf diesem Gathering mit 120 wachen, neugierigen, experimentierfreudigen Menschen musste ich, wollte ich mich einbringen, die Autorität selbst setzen,

Ich nahm meine Macht als Gastgeberin ernst – und mir heraus, diese 120 Menschen mit einer mysteriösen Erscheinung und mitunter kryptischen Handlungsanweisungen zu konfrontieren.

Ich reizte das sogar so weit aus, dass ich eine Passage – „Das Dunkle und das Strahlende“ – mit verbundenen Augen anleitete und die Kontrolle ganz ab- und mich mitten rein in den Akt begab, quasi eine Verkörperung meiner zentralen Erkenntnis:
Ich bin verantwortlich für den Rahmen, aber nicht für das Erleben.

Dann ist die Frage nicht mehr: Wie bringe ich Menschen dahin, wo ich sie haben möchte?
Sondern: Was passiert, wenn ich die Bedingungen schaffe – und dann nicht mehr kontrolliere, was daraus entsteht?

Dass zeitweilige Irritationen im Feld dabei unvermeidlich sind – und nicht automatisch ein Problem darstellen – ist eine weitere kraftvolle Lektion:
Ich muss die Irritation nicht auflösen.

Für mich als ausgemachte People-Pleaserin und Harmony-Streberin mit Lehrerausbildung ist das eine ziemlich radikale innere Verschiebung meiner Rolle – und meiner Persönlichkeit.

Denn die Botin berührt ziemlich direkt meine empfindlichen Stellen: Zugehörigkeit. Gesehenwerden. Mangel. Macht.
Als Kreateurin solcher Events habe ich Macht. Das ist ein Fakt. Lange jedoch war mein Umgang damit widersprüchlich: Ich wollte sie nicht missbrauchen und leugnete deshalb ihre Existenz.
Jetzt hab ich kapiert:
Die Frage ist nicht, ob ich Macht habe. Die Frage ist, wie ich sie ausübe. Und die interessante Spannung liegt genau dort:
zwischen großzügiger Autorität und Anarchie.

Ich hab mich bei diesem Gathering getraut, Ideen und Konzepte neu zusammenzufügen und mit der Botin etwas von mir zu zeigen, das vorher noch nicht existierte.

Und die Farmcommunity ist mitgegangen: Sie brauchten meine Erklärungen gar nicht. Sie widersprachen, lachten, ignorierten, verwandelten, übertrieben, entwickelten die Passagen weiter und interpretierten sie auf ihre Art.

Und plötzlich ist die Botin nicht mehr die, die genau wissen muss, was passiert, sondern eine Figur, die auf eine Schwelle deutet. – Vom Dunklen ins Strahlende, bis zur Granatapfelkernschmelze.