Xanadu – Wo Liebe und Wunder erwachen / Folge 4: Der ganz normale Wahnsinn
Ein Fortsetzungsroman von Juna Morgenstern
Was bisher geschah: Anne ist in die Gemeinschaft Xanadu gekommen, um ihre ursprüngliche weibliche Kraft zu befreien. Stattdessen begegnet sie David, einem eigenwilligen Bewohner, der sich wenig um die Regeln der Gemeinschaft schert. Nachts entdeckt Anne ihn im Wald, wo er ein Loch gräbt. Hinter ihm leuchtet ein geheimnisvolles weißes Licht auf.
David drehte sich nicht um.
Anne starrte zwischen die Bäume.
„Da!“
„Was?“
„Das Licht!“
„Welches Licht?“
„David!“
Er sah sie an.
„Du solltest jetzt zurückgehen.“
Anne verschränkte die Arme.
„Ach. Und du gräbst hier weiter?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil das Loch noch nicht fertig ist.“
Anne holte tief Luft.
In diesem Moment knackte es hinter ihnen.
„DAVID!“
Eine Taschenlampe blendete Anne.
Zwei Gestalten kamen den Waldweg entlang. Ein großer Mann mit Bart und eine kleine Frau in einer dicken Strickjacke.
„Nicht schon wieder!“, rief der Mann.
David schloss die Augen.
„Guten Abend, Thomas.“
„Was machst du hier?“
„Wir unterhalten uns.“
Thomas richtete die Taschenlampe auf das Loch.
„David.“
„Thomas.“
„Wir hatten eine Vereinbarung.“
„Ich weiß.“
„Keine nächtlichen Grabungen mehr.“
Anne sah von einem zum anderen.
Keine nächtlichen Grabungen mehr?
Offenbar war das hier ein wiederkehrendes Problem.
Die Frau trat näher.
„David, wir machen uns Sorgen.“
„Das ist mir bekannt, Sabine.“
„Du hast gestern schon kaum geschlafen.“
„Woher weißt du das?“
„Ich habe um halb drei noch Licht bei dir gesehen.“
„Du kontrollierst meine Fenster?“
„Ich war auf dem Weg zur Toilette.“
„Dann hoffe ich, du hast sie gefunden.“
Thomas seufzte.
„Du weißt doch, was dein Therapeut gesagt hat.“
„Mein Therapeut sagt viel.“
„Er hat dir dringend geraten, auf deinen Schlaf zu achten.“
„Das tue ich.“
„Indem du nachts Löcher gräbst?“
„Ich schlafe tagsüber.“
„David, bitte.“
Sabine legte ihm vorsichtig eine Hand auf den Arm.
„Du willst doch nicht wieder nach Falkenrode.“
Anne sah David an.
Zum ersten Mal, seit sie ihn kannte, hatte er keine Antwort.
Thomas nahm die Schaufel.
David ließ sie los.
„Komm“, sagte Sabine. „Wir gehen zurück.“
Dann bemerkte sie Anne.
„Ach, du bist ja auch hier.“
„Offensichtlich.“
„Du bist neu, nicht wahr?“
„Seit gestern.“
Sabine lächelte erleichtert.
„Dann kennst du David noch nicht so gut.“
„Nein“, sagte Anne.
Sie blickte auf das Loch.
„Aber wir haben bereits einiges gemeinsam erlebt.“
Thomas nahm David am Ellbogen.
Nicht grob.
Eher so, wie man jemanden über eine vereiste Straße begleitet.
David ließ es geschehen.
Als sie an Anne vorbeigingen, sah er sie kurz an.
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht, David.“
Dann verschwanden die drei zwischen den Bäumen.
Anne blieb allein zurück.
Der Wald war still.
Sie betrachtete das Loch.
Dann die Stelle, an der das Licht gewesen war.
Nichts.
Sie nahm ihr Handy heraus und schaltete die Taschenlampe ein.
Im Loch lag Erde.
Wurzeln.
Ein Stein.
Sonst nichts.
Anne schaltete das Licht wieder aus.
Sie hatte in ihrem Leben schon einige merkwürdige Männer kennengelernt.
Einer hatte behauptet, mit Delfinen telepathisch kommunizieren zu können.
Ein anderer hatte ihr beim dritten Date seine Sammlung selbst gemalter Engel gezeigt.
Und ein Berliner Unternehmensberater hatte einmal während des Sex seine Smartwatch kontrolliert.
Aber ein Mann, der nachts im Wald Löcher grub und von seinen Mitbewohnern abgeholt wurde, war neu.Anne ging zurück.
Sie war müde.
Und sie hatte eine Frage.
Was zum Teufel war Falkenrode?
Foto: David Gari, Pexels
