Xanadu – Wo Liebe und Wunder erwachen
Ein Fortsetzungsroman von Clara Falk
Folge 1: Der Mann im See
Als Anne den nackten Mann im See entdeckte, war sie gerade in Xanadu angekommen.
Wobei „in Xanadu“ Ansichtssache war.
Offiziell befand sie sich in Klein Mersewitz, einem brandenburgischen Dorf, dessen Name ungefähr so viel Aufbruch und Verheißung ausstrahlte wie eine Packungsbeilage.
Xanadu hingegen war der Name, den die Gemeinschaft ihrem Gelände gegeben hatte. Ein Ort für eine neue Kultur der Liebe, für Bewusstsein, Gemeinschaft und persönliches Wachstum.
So stand es jedenfalls auf der Website.
Anne war am Morgen mit dem Regionalzug aus Berlin gekommen und am Bahnhof in einen Bus umgestiegen, dessen Fahrer auf ihre Frage nach Xanadu nur die Stirn gerunzelt hatte.
„Xanadu?“
„Ja. Diese Gemeinschaft.“
„Ach so. Sie wollen zu den Hippies.“
Damit war die Sache geklärt.
Der Bus hatte sie an einer Landstraße bei Klein Mersewitz ausgespuckt. Von dort war Anne zehn Minuten einem handgemalten Schild mit einer Sonne und der Aufschrift XANADU – Wo eine andere Welt beginnt gefolgt.
Nun hatte sie ihren Koffer in Haus Schmetterling abgestellt und bereits drei Menschen umarmt, deren Namen sie nicht kannte.
Das gehörte hier offenbar zum Check-in.
Anne war zweiundfünfzig, lebte in Berlin und hielt sich für einen aufgeschlossenen Menschen. Sie hatte meditiert, getanzt, gefastet, ihre Wut in Kissen geschlagen und einmal auf einem Tantra-Workshop sieben Minuten lang einem völlig fremden Steuerberater in die Augen geschaut.
Sieben Minuten können sehr lang sein.
Besonders mit einem Steuerberater.
Vor einem Jahr war ihre letzte längere Beziehung zu Ende gegangen. Ohne Drama, was Anne im Nachhinein fast ein wenig bedauerte. Kein Betrug, keine zerbrochenen Teller, nicht einmal eine ordentliche Szene im Treppenhaus. Sie hatten irgendwann festgestellt, dass sie ausgezeichnet miteinander funktionierten und sich dabei kaum noch vermissten.
Seitdem war Annes Leben angenehm.
Vielleicht ein bisschen zu angenehm.
Sie hatte Freunde. Eine schöne Wohnung in Prenzlauer Berg. Einen Beruf, den sie meistens mochte. Sie ging ins Kino, traf Menschen, reiste, hatte gelegentlich Dates. Es gab keinen vernünftigen Grund, unzufrieden zu sein.
Manchmal dachte sie: Wenn mein Leben die nächsten zwanzig Jahre ungefähr so weitergeht, kann ich mich eigentlich nicht beschweren.
Genau dieser Gedanke machte ihr Angst.
Vielleicht war sie deshalb nach Xanadu gefahren.
Offiziell war sie natürlich wegen des Workshops hier.
Er hieß „Die wilde Frau – Befreie deine ursprüngliche weibliche Kraft“ und begann erst um zehn.
Anne war nicht ganz sicher, was ihre ursprüngliche weibliche Kraft sein sollte. Aber für 350 Euro inklusive veganer Vollverpflegung war sie bereit, es herauszufinden.
Die Sonne stand über den Kiefern, und Anne wollte vor dem Workshop noch zum See. Ein bisschen Natur, ein bisschen Ruhe, vielleicht auch den Berliner Staub abspülen.
Xanadu lag weit genug von Berlin entfernt, dass Menschen hier Sätze sagten wie: „Ich gehe mal kurz in den Wald und spüre, was das mit mir macht.“
Anne mochte den Ort trotzdem.
Vielleicht sogar deswegen.
Sie zog ihre Schuhe aus und setzte sich auf den kleinen Holzsteg.
Da hörte sie den Schrei.
Er kam vom anderen Ende des Sees.
Anne sprang auf.
Etwa fünfzig Meter entfernt war ein Kopf im Wasser zu sehen. Dunkle Haare. Ein Arm schlug auf die Oberfläche.
„Hallo?“, rief Anne.
Keine Antwort.
Der Mann verschwand.
Anne sah auf den leeren See.
„Scheiße.“
Sie rannte los.
Es gab Momente, in denen das Leben einem keine Gelegenheit ließ, vernünftig nachzudenken. Man handelte einfach.
Anne warf ihr T-Shirt auf den Steg, streifte die Hose ab und sprang in Unterwäsche ins Wasser.
Es war kalt.
Nicht erfrischend kalt.
Sondern Wer hat eigentlich beschlossen, dass Brandenburg im September noch zum Sommer gehört?-kalt.
Sie schwamm los.
„Ich komme!“
Der Kopf tauchte wieder auf.
„Was?“
„Bleiben Sie ruhig!“
„Ich bin ruhig.“
„Ich hole Sie da raus!“
Der Mann stand auf.
Anne hörte auf zu schwimmen.
Das Wasser reichte ihm bis knapp über die Hüfte.
Er war vielleicht Mitte fünfzig, schlank, braun gebrannt und vollständig nackt.
„Was machen Sie da?“, fragte er.
Anne stand nun ebenfalls auf. Das Wasser reichte ihr bis zur Brust.
„Ich rette Sie.“
Der Mann sah sich um.
„Wovor?“
Anne schwieg.
Es gab Situationen, für die selbst zweiundfünfzig Jahre Lebenserfahrung keine passende Antwort bereithielten.
„Sie sind untergegangen.“
„Ich bin getaucht.“
„Und Sie haben geschrien.“
„Das war ein Eisvogel.“
Anne sah zum Ufer.
Dann wieder zu ihm.
„Ein Eisvogel.“
„Ja.“
„Der geschrien hat.“
„Eisvögel machen Geräusche.“
„Das tun Vögel häufig.“
Der Mann lächelte.
Anne beschloss augenblicklich, ihn nicht zu mögen.
Leider war er attraktiv.
Nicht auf diese gepflegte Art, die Männer auf Datingplattformen attraktiv machte, nachdem sie dreißig Minuten lang versucht hatten, ein Foto zu finden, auf dem weder Exfrau noch Motorrad zu sehen waren.
Dieser Mann sah aus, als hätte ihn jemand vor einigen Jahren im Wald ausgesetzt und er hätte beschlossen, das Beste daraus zu machen.
„Sie sind neu hier“, sagte er.
„Woher wissen Sie das?“
„Die anderen retten mich nicht mehr.“
Anne musste lachen.
Das ärgerte sie zusätzlich.
Sie drehte sich um und watete zurück.
„Warten Sie.“
„Warum?“
„Sie haben sich extra für mich ausgezogen.“
Anne blieb stehen.
„Ich hatte Unterwäsche an.“
„Das beruhigt mich.“
„Sie sind ein Idiot.“
„Das wurde mir schon gespiegelt.“
Natürlich.
Natürlich wurde einem in Xanadu nicht gesagt, dass man ein Idiot war.
Es wurde einem gespiegelt.
Anne ging weiter.
Als sie den Steg erreichte, sah sie, dass dort inzwischen eine Frau stand. Vielleicht sechzig, graue Locken, weite Leinenhose. Sie hielt Annes T-Shirt in der Hand.
„Alles in Ordnung?“
„Ja“, sagte Anne und zog sich aus dem Wasser. „Ich habe gerade einen Mann gerettet, der nicht ertrunken ist.“
Die Frau blickte zum See.
Der Fremde war verschwunden.
„Welchen Mann?“
Anne drehte sich um.
Nichts.
Nur Wasser.
„Den nackten Mann.“
Die Frau nickte langsam.
Es war kein gutes Nicken.
„Vielleicht solltest du erst einmal ankommen“, sagte sie.
„Ich bin angekommen.“
„Ich meine innerlich.“
Anne nahm ihr das T-Shirt aus der Hand.
„Innerlich bin ich gerade hervorragend angekommen.“
Die Frau lächelte.
„Um zehn beginnt dein Workshop. Die wilde Frau, richtig?“
„Ja.“
„Schön. Ich leite ihn.“
Natürlich.
Anne schloss für einen Moment die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, bemerkte sie etwas im Schilf.
Am anderen Ufer.
Nur für eine Sekunde.
Der nackte Mann stand zwischen den Bäumen und sah zu ihr herüber.
Dann trat er zurück in den Wald.
Anne wusste noch nicht, dass sie ihn wiedersehen würde.
Sie wusste auch nicht, dass unter diesem Wald seit sehr langer Zeit etwas verborgen lag.
Aber zunächst hatte sie ein dringenderes Problem.
Jetzt gleich sollte sie ihre ursprüngliche weibliche Kraft befreien.
Und sie hatte nicht einmal ein Handtuch dabei.
