Roman

Xanadu – Wo Liebe und Wunder erwachen / Folge 5: Frühstück der Freude

Ein Fortsetzungroman von Juna Morgenstern

Am nächsten Morgen saß Anne beim Frühstück neben einer Frau, die sich als Heike vorstellte.
Heike trug einen Pullover, der aussah, als wäre er aus der Wolle glücklicher Brandenburger Schafe selbst gestrickt worden. Sie hatte eine Art zu lächeln, die Anne misstrauisch machte.
„Wie hast du geschlafen?“
„Interessant.“
„Oh.“
„Und mit wem?“
„Allein!“
Heike legte den Kopf schief.
„Och. Ganz allein? Na ja, auch Selbstliebe ist Liebe. Magst du teilen?“
Anne nahm sich ein Brötchen, das von vermutlich sehr gesunden Körnern gesprenkelt war.
„Eigentlich nicht.“
„Hm. Es wäre gut für dich, wenn du hier mehr teilen würdest, muss ich dir mal als Feedback geben. Weißt du, hier versuchen wir, auch mit den persönlichen Dingen offen umzugehen. Das Private ist schließlich politisch. Wenn wir alle ein bisschen mehr teilen würden, wäre die Welt schon ein ganzes Stück weiter.“

Heike lächelte weiter.
Anne begann zu verstehen, warum David gelegentlich die Flucht in den Wald ergriff.
Am Nachbartisch wurde über das Wetter gesprochen.
Jemand behauptete, der Oktober werde ungewöhnlich warm.
Jemand anderes meinte, man könne das nicht wissen, weil das Wetter auf die kollektive Stimmung der Menschheit reagiere.
Anne beschloss, ihren Kaffee ohne kollektive Stimmung zu trinken.
„Sag mal“, fragte sie schließlich, „was ist eigentlich mit David?“
Heikes Lächeln verschwand.
„Was meinst du?“
„Ich habe ihn gestern Nacht im Wald getroffen.“
„Oh.“
Dieses Oh klang anders als das erste.
„Er hat gegraben.“
Heike stellte ihre Tasse ab. Die Tasse zeigte ein heiteres Frauengesicht und den Spruch „Ich bin so heiß, komm doch mal rüber!“
Heike schaute, als hätte jemand eine Mettwurst auf den Tisch gelegt. Eine sehr alte Mettwurst.
„Das ist nicht gut.“
„Warum?“
„David hatte eine schwere Zeit.“

Anne wartete.
„Er war eine Weile in Behandlung.“
„Weswegen?“
Heike zögerte.
„Das sollte er dir vielleicht selbst erzählen.“
Das war eine vernünftige Antwort.
Anne ärgerte sich trotzdem ein wenig.
„Ist er gefährlich?“
„Nein!“
Heike hatte so entschieden geantwortet, dass Anne überrascht war.
„David ist einer der freundlichsten Menschen hier. Wenn irgendwo etwas kaputtgeht, ist er der Erste, der hilft. Wenn jemand krank ist, bringt er ihm Essen. Und wenn jemand Geld braucht, hat David plötzlich welches.“

„Woher?“
„Keine Ahnung.“
Heike nahm ihre Tasse wieder auf.
„Aber manchmal verliert er sich in seinen Vorstellungen.“
„Was für Vorstellungen?“
„Dass im Wald etwas verborgen ist. Dass es dort Lichter gibt. Dass jemand uns beobachtet.“
Anne schwieg.
„Er hat früher schon einmal tagelang gesucht. Kaum geschlafen, kaum gegessen. Schließlich ist er zusammengebrochen.“
„Und dann?“
„Klinik. Therapie. Medikamente. Und natürlich unsere Heilungsrunden.“
„Natürlich“, sagte Anne und sah aus dem Fenster.

Auf der Wiese übten drei Menschen in stylishen, eng anliegenden Yoga-Outfits eine Bewegungsmeditation.
Einer bewegte sich so langsam, dass Anne zunächst glaubte, er stehe still.
„Und jetzt?“, fragte sie.
„Jetzt geht es ihm gut. Meistens.“
„Aber ihr glaubt ihm nicht.“
Heike sah sie überrascht an.
„Was sollen wir ihm glauben?“
Anne überlegte.
Sie könnte erzählen, dass sie das Licht selbst gesehen hatte.
Zweimal.
Dass es sich bewegt hatte.
Dass David genau zu wissen schien, wo es auftauchen würde.
Stattdessen sagte sie:
„Nichts.“

Heike nickte.
„Weißt du, wir versuchen hier, Menschen so anzunehmen, wie sie sind.“
Anne betrachtete den Mann auf der Wiese.
Er hatte inzwischen ungefähr eine halbe Drehung geschafft.
„Und David?“
„Den natürlich auch.“
„Solange er sich normal verhält?“
Heike sah sie an.
Ihr Lächeln kehrte zurück.
„Ich spüre gerade einen Widerstand bei dir.“

Anne nahm einen großen Schluck Kaffee. Auf ihrer Tasse war eine steinzeitliche Frauenfigur mit großen Brüsten abgebildet und der Spruch „Lust muss fließen!“
Es war erst neun Uhr morgens.
Sie hatte nicht genug Kaffee für dieses Gespräch.
Aber eines wusste sie jetzt.
Sie musste noch einmal mit David sprechen.

Und diesmal würde sie sich nicht mit einem seiner blöden Sprüche abspeisen lassen.


Wird fortgesetzt.

Hier geht es zu Folge 1

Foto: Raymond Petrik / Pexels.