Roman

Xanadu – Wo Liebe und Wunder erwachen / Folge 3: Hinter dem Zaun

Ein Fortsetzungsroman von Clara Falk

Was bisher geschah:
Anne ist für einen Workshop in die Xanadu-Gemeinschaft in Brandenburg gekommen und hat gleich am ersten Tag versucht, einen nackten Mann vor dem Ertrinken zu retten. Leider konnte er stehen. In der Raucherecke begegnete sie ihm wieder. Er heißt David. Und im Wald sah Anne ein seltsames Licht.


Beim Abendessen lernte Anne, dass auch eine neue Kultur der Liebe einen Spülplan brauchte.

Er hing neben der Küchentür.

ACHTSAMKEIT BEGINNT BEIM ABWASCH ❤️

Darunter hatte jemand geschrieben:

DANN FANG DOCH AN.

Anne betrachtete die beiden Sätze.

Xanadu gefiel ihr immer besser.

Sie saß mit ungefähr dreißig Menschen an langen Holztischen vor dem Haupthaus. Es gab Linsencurry, Reis und einen Salat, der überwiegend aus Dingen bestand, die Anne bislang für Unkraut gehalten hatte.

Der Tag war warm gewesen. Jetzt wurde die Luft kühler. Über den Kiefern färbte sich der Himmel rosa.

David saß am anderen Ende des Tisches.

Er hatte sie gesehen.

Zumindest glaubte Anne das.

Er hatte kurz in ihre Richtung geblickt und dann weiter mit einem älteren Mann gesprochen.

Anne fand das angenehm.

Und ein bisschen unhöflich.

„Wie war dein erster Tag?“

Miriam setzte sich neben sie.

„Wild.“

„Das freut mich.“

„Ich meinte den Salat.“

Miriam lachte.

„Giersch.“

„Gesund?“

„Sehr.“

Anne schob sich eine Gabel davon in den Mund.

„Das hatte ich befürchtet.“

Am anderen Ende des Tisches wurde es plötzlich lauter.

„Nein. Es geht darum, dass Absprachen nicht eingehalten werden.“

„Wir haben vereinbart, dass ich mit Sonja keinen Sex habe. Wir haben uns nur geküsst.“

„Küssen ist für mich sehr intim.“

„Für mich ist es eher wie Händeschütteln.“

„Du hättest sensibler sein können.“

„War ich doch. Wir waren nicht mal nackt.“

Es wurde still.

Anne sah zu Miriam.

„Ist das ein Konflikt?“

„Ein Prozess.“

„Seit wann?“

Miriam überlegte.

„April.“

Anne nickte.

Auf der Website hatte etwas von einer neuen Kultur der Liebe gestanden.

Offenbar befand sie sich noch in der Entwicklungsphase.


Nach dem Essen versammelten sich die Frauen auf der Wiese.

Miriam hatte eine Feuerschale angezündet. Jede sollte einen kleinen Holzscheit ins Feuer legen und sagen, was sie sich für ihr Leben wünschte.

Anne hatte bei solchen Übungen ein Problem.

Sie wusste nie, ob man die Wahrheit sagen musste.

Die erste Frau legte ihr Holz ins Feuer.

„Ich möchte endlich ganz bei mir ankommen.“

Die nächste sagte:

„Ich möchte mich wieder für die Liebe öffnen.“

Katja hielt ihren Holzscheit mit beiden Händen.

„Ich möchte meine weibliche Urkraft leben.“

Dann war Anne an der Reihe.

Sie hielt das Stück Holz in der Hand.

Alle sahen sie an.

Anne dachte an ihre Wohnung in Prenzlauer Berg.

An ihre Freunde.

An ihre Arbeit.

An die Reisen, die sie machte. An die Männer, die sie gelegentlich traf. An ihr eigentlich ziemlich gutes Leben.

Was wollte sie?

Mehr Geld?

Nicht unbedingt.

Einen Mann?

Vielleicht.

Aber nicht irgendeinen.

Erleuchtung?

Das klang anstrengend.

„Ich weiß es nicht“, sagte sie.

Niemand sagte etwas.

Miriam lächelte.

„Lass dir Zeit.“

Anne hasste es inzwischen ein wenig, wenn Miriam das sagte.

Sie sah in die Flammen.

Und plötzlich wusste sie es.

„Ich möchte, dass noch einmal etwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet habe.“

Sie warf das Holz ins Feuer.

Miriam sah sie einen Moment lang an.

„Danke.“

Anne setzte sich.

Niemand klatschte.

Das war angenehm.


Später ging Anne noch ein wenig über das Gelände.

Hinter dem Gemüsegarten führte ein schmaler Weg zum Waldrand. Dort endete Xanadu.

Das erkannte man am Stacheldraht.

Auf ihrer Seite des Zauns hing zwischen zwei Bäumen ein handbemaltes Schild.

FÜR EINE WELT OHNE GRENZEN

Dahinter verliefen drei Reihen Stacheldraht.

„Schön, oder?“

David stand plötzlich neben ihr.

Anne erschrak.

„Machst du das absichtlich?“

„Was?“

„Auftauchen.“

„Meistens.“

Anne deutete auf den Zaun.

„Gehört der zu eurer Welt ohne Grenzen?“

„Nein. Der gehört Günther.“

„Wer ist Günther?“

„Unser Nachbar.“

„Er mag euch nicht?“

„Doch.“

Anne wartete.

„Er drückt es nur sehr individuell aus.“

„Warum der Stacheldraht?“

„Lange Geschichte.“

„Ich habe Zeit.“

David sah zum Nachbargrundstück.

„Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen von Eigentumsgrenzen.“

„Ihr seid über sein Grundstück gelaufen.“

„Unter anderem.“

„Was noch?“

„Trommeln.“

„Nachts?“

„Nur einmal.“

Anne sah ihn an.

„Und?“

„Lustgeräusche.“

„Lustgeräusche?“

„Im Sommer stehen hinten im Wald Zelte.“

„Und?“

„Berlin kommt aufs Land.“

Anne wartete.

„Berlin hat offenbar einiges nachzuholen.“

„Wie lange?“

„Der Rekord liegt bei drei Stunden.“

„Ihr stoppt die Zeit?“

„Günther schon.“

Anne sah durch den Zaun. Einige hundert Meter entfernt konnte sie zwischen den Bäumen das Dach eines Hauses erkennen.

„Na ja“, sagte sie. „Ein bisschen kann ich ihn verstehen.“

„Warte bis zum Sommercamp.“

„Was passiert dann?“

„Dann kommen die Irren.“

„Welche Irren?“

„Wir.“

Anne lachte.

„Günther nennt es so. Einmal im Jahr haben wir das große Camp. Dann ist der Wald voller Zelte, Workshops und Menschen aus Berlin, die endlich sie selbst sein wollen.“

„Klingt gefährlich.“

„Für Günther schon.“

„Wegen der Lustgeräusche?“

„Nicht nur. Letztes Jahr hatten wir eine Männergruppe.“

„Und?“

„Haka.“

„Diesen hawaiianischen Kriegstanz?“

„Māori“, sagte David. „Und es war vermutlich auch kein richtiger Haka. Der Workshop hieß Sei ganz in deiner Kraft.“

„Natürlich.“

„Sie waren um sieben Uhr morgens sehr in ihrer Kraft.“

Anne sah wieder zu dem Haus.

„Langsam bekomme ich Sympathie für Günther.“

„Das passiert vielen.“

Sie gingen weiter.

Am Wegesrand wuchsen Brennnesseln bis fast an Annes Schultern. Ein Holunderbusch hatte Ausmaße angenommen, die Anne für unangemessen hielt.

„Wächst hier eigentlich alles so?“

„Wie?“

„Als hätte es gedopt.“

David sah zum Wald.

„Besondere Energie.“

Anne blieb stehen.

„Du sagst das?“

„Ich sage nur, was die Leute hier sagen.“

„Und was sagen die Leute hier?“

„Dass Pflanzen schneller wachsen. Dass man intensiver träumt. Manche schlafen hier zum ersten Mal seit Jahren wieder durch. Andere fühlen sich plötzlich besser.“

„Und andere verlieben sich?“

„Das kommt vor.“

„Das klingt gefährlich.“

„Ist es auch.“

Anne lächelte.

„Und natürlich werden hier Krankheiten geheilt.“

„Natürlich.“

„Depressionen?“

„Gibt Leute, die sagen, dass es ihnen hier besser geht.“

„Krebs?“

„Bei Krebs würde ich zum Arzt gehen.“

Anne sah ihn an.

„Du bist ein erstaunlich vernünftiger Hippie.“

„Sag das keinem.“

Sie gingen weiter.

„Vor ein paar Jahren wollte ein Investor aus Berlin das ganze Gelände kaufen“, sagte David.

„Warum?“

„Schönheitsklinik.“

„Wegen der besonderen Energie?“

„Offiziell wegen der Lage.“

„Und inoffiziell?“

David zuckte mit den Schultern.

„Menschen mit sehr viel Geld glauben erstaunlich viel, wenn es sie jünger machen könnte.“

Zwischen den Bäumen standen kleine Holzhütten. Kaum größer als Gartenlauben, mit breiten Fenstern zum Wald.

Vor einer Tür hing ein Schild:

RAUM FÜR BEGEGNUNG

Anne blickte hinein.

Matratze. Kissen. Vorhänge.

Auf einem kleinen Regal stand eine Schale mit Kondomen.

„Was ist das?“

„Liebeshütte.“

„Da steht Raum für Begegnung.“

„Das steht auf allen Liebeshütten.“

„Und die kann jeder benutzen?“

„Wenn sie frei ist.“

Anne betrachtete die Hütte.

„Sehr romantisch.“

„Warte, bis du eine von innen kennst.“

Anne sah ihn an.

David ging weiter.

Nach ein paar Schritten drehte er sich um.

„Das war übrigens keine Einladung.“

„Gut.“

„Du klingst enttäuscht.“

„Geh duschen, David.“

„Mach ich.“

„Gibt es eigentlich warmes Wasser?“

„Natürlich.“

Anne war erleichtert.

„Ungefähr vierzig Sekunden.“


In der Nacht wachte Anne auf.

Sie wusste zunächst nicht, warum.

Das Zimmer war dunkel.

Haus Schmetterling knarrte an Stellen, an denen ein Haus ihrer Meinung nach nicht knarren sollte.

Irgendwo summte eine Mücke.

Anne tastete nach ihrem Handy.

1:43 Uhr.

Sie drehte sich auf die andere Seite.

Dann sah sie das Licht.

Anne setzte sich auf.

Zwischen den Vorhängen schimmerte etwas.

Weiß.

Sehr schwach.

Sie stand auf und ging zum Fenster.

Da war es wieder.

Zwischen den Bäumen.

Dasselbe Licht wie am Nachmittag.

Nur diesmal bewegte es sich.

Langsam.

Dann verschwand es.

Anne stand am Fenster.

Vielleicht ein Auto.

Nein.

Dort war keine Straße.

Eine Taschenlampe.

Das war wahrscheinlicher.

Sie legte sich wieder hin.

Zehn Sekunden später stand sie wieder auf.

„Scheiße.“

Sie zog Jeans und Pullover über, schlüpfte in ihre Schuhe und ging hinaus.

Draußen war es kälter, als sie erwartet hatte.

Xanadu schlief.

Kein Gong.

Kein Knurren.

Keine Lustgeräusche.

Niemand spürte irgendwo hinein.

Anne ging am Haupthaus vorbei.

Dann am Gemüsegarten.

Vor ihr lag der Wald.

Sie blieb stehen.

Das hier war bescheuert.

Eine zweiundfünfzigjährige Frau sollte nachts um zwei nicht allein einem geheimnisvollen Licht in einen brandenburgischen Wald folgen.

Das war keine spirituelle Erkenntnis.

Das war gesunder Menschenverstand.

Anne ging weiter.

Unter den Bäumen war es fast völlig dunkel.

Sie nahm ihr Handy heraus, schaltete aber die Taschenlampe nicht ein.

Dann hörte sie etwas.

Schrrrk.

Anne blieb stehen.

Stille.

Schrrrk.

Metall auf Erde.

Sie ging näher.

Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas.

Ein Mann.

Er grub.

Anne duckte sich hinter einen Baum.

Der Mann hob die Schaufel, stieß sie in den Boden und warf Erde zur Seite.

Anne erkannte ihn.

David.

Natürlich.

Wer sonst grub nachts um zwei Löcher im Wald?

Sie beobachtete ihn eine Weile.

Neben ihm lag bereits ein kleiner Erdhaufen. Das Loch war vielleicht einen halben Meter tief.

David hielt plötzlich inne.

Anne bewegte sich nicht.

„Du bist ziemlich laut für jemanden, der heimlich durch den Wald schleicht.“

Anne schloss die Augen.

Dann trat sie hinter dem Baum hervor.

„Was machst du da?“

David stützte sich auf die Schaufel.

„Ich grabe ein Loch.“

„Das sehe ich.“

„Warum fragst du dann?“

„Warum gräbst du nachts um zwei ein Loch?“

„Tagsüber hatte ich keine Zeit.“

Anne kam näher.

„Du bist wirklich ein Idiot.“

„Das wurde mir schon gespiegelt.“

„Den hatten wir schon.“

„Gute Sätze darf man wiederholen.“

Anne sah in das Loch.

Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen.

„Ich habe wieder dieses Licht gesehen.“

David sagte nichts.

„Im Wald.“

Noch immer nichts.

„Dasselbe wie heute Nachmittag.“

David sah sie an.

Etwas war anders.

Das spöttische Lächeln war verschwunden.

„Welches Licht?“, fragte er.

Anne brauchte einen Moment.

Dann begriff sie.

Er wusste genau, welches Licht sie meinte.

Und er log.

Hinter David, tief zwischen den Bäumen, leuchtete etwas auf.

Nur für eine Sekunde.

Weiß.

David drehte sich nicht um.

Fortsetzung folgt …


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