Xanadu – Wo Liebe und Wunder erwachen / Folge 2
Ein Fortsetzungsroman von Clara Falk
Was bisher geschah: Anne reist für einen Workshop in die Gemeinschaft Xanadu. Kaum angekommen, versucht sie einen nackten Mann vor dem Ertrinken zu retten. Dummerweise kann er stehen.

Folge 2: Die wilde Frau
Um zehn Uhr saß Anne mit zwölf Frauen im Kreis und sollte ihr Becken fragen, was es gerade brauchte.
Anne fragte.
Ihr Becken antwortete nicht.
Vielleicht war es noch beleidigt wegen des Sees.
„Lass dir Zeit“, sagte Miriam.
Miriam war die Frau mit den grauen Locken vom Steg. Sie saß barfuß auf einem Meditationskissen und hatte die Augen geschlossen.
„Unser Körper weiß oft schon etwas, bevor unser Verstand es begreift.“
Anne sah sich um.
Die anderen Frauen schienen Körper zu besitzen, die ausgesprochen mitteilsam waren.
Eine weinte bereits.
Eine andere hatte beide Hände auf den Bauch gelegt und atmete so tief, als wollte sie ein Kind zur Welt bringen.
Neben Anne saß eine blonde Frau namens Katja, deren Becken offenbar gerade etwas sehr Wichtiges mitteilte.
Katja nickte jedenfalls mehrmals.
Anne wartete.
Nichts.
Dafür schlief ihr linkes Bein ein.
„Vielleicht mag jetzt jede einmal spüren“, sagte Miriam, „welches wilde Tier in ihr lebt.“
Anne schloss die Augen.
Sie versuchte, an ein Tier zu denken.
Eine Wölfin vielleicht.
Oder eine Tigerin.
Etwas Ursprüngliches.
Etwas Kraftvolles.
Ihr fiel ein müder Dackel ein.
Anne öffnete die Augen wieder.
„Lass das Tier zu dir kommen“, sagte Miriam.
Der Dackel blieb.
Nach einer Stunde Bewegung, Atmung und einer Übung, bei der die Frauen mit geschlossenen Augen durch den Raum gingen und gelegentlich knurrten, hatte Anne immerhin festgestellt, dass ihre ursprüngliche weibliche Kraft eher scheu war.
Kurz vor der Mittagspause sollten alle noch einmal in sich hineinspüren.
Anne spürte hinein.
Diesmal kam eine klare Antwort.
Nikotin.
Seit drei Jahren behauptete Anne, nur noch gelegentlich zu rauchen.
„Gelegentlich“ war ein dehnbarer Begriff.
Sie hatte Freunde in einem Seminarhaus in der Uckermark. Starke Raucher. Wenn sie dort zu Besuch war, rauchte sie zwei oder drei Zigaretten am Tag. Schließlich wurden in der Raucherecke die besten Geschichten erzählt und am meisten gelacht.
Sie wartete, bis die anderen Frauen Richtung Speisesaal gingen, und schlich hinter ein kleines Holzhaus am Rand des Geländes.
Dort stand zwischen Efeu und Kräutertöpfen ein alter Gartenstuhl. Daneben ein Blecheimer voller Zigarettenstummel.
Anne war erleichtert.
Offenbar hatte auch Xanadu Grenzen.
Sie setzte sich, zog eine zerdrückte Packung aus ihrer Tasche und zündete sich eine Zigarette an.
Der erste Zug war wunderbar.
„Hast du noch eine?“
Anne fuhr herum.
Der nackte Mann aus dem See stand hinter ihr.
Diesmal trug er eine Jeans und ein ausgewaschenes schwarzes T-Shirt.
Anne war überrascht, wie sehr Kleidung einen Menschen verändern konnte.
Und ein wenig enttäuscht.
„Sie.“
„Ich.“
Anne hielt ihm die Packung hin.
Er nahm eine Zigarette.
„Danke.“
Er setzte sich neben sie.
Eine Weile rauchten sie schweigend.
Mit jedem Zug löste sich etwas in Anne, von dem sie bis eben nicht gewusst hatte, dass es angespannt war. Offenbar war ihr Körper doch mitteilsamer, als sie gedacht hatte.
Das Schweigen war das erste Schweigen an diesem Vormittag, das Anne nicht angeleitet vorkam.
„David“, sagte er schließlich.
„Was?“
„Mein Name.“
„Ach so.“
Sie zögerte.
„Anne.“
„Freut mich.“
„Mich auch.“
Das stimmte nicht ganz.
Aber auch nicht mehr ganz nicht.
David blies den Rauch in Richtung eines Apfelbaums.
„Die wilde Frau?“
Anne sah ihn an.
„Woher wissen Sie das?“
„Man hört euch.“
„Wir haben nur einmal geknurrt.“
„Das reicht.“
Anne musste lachen.
„Und was machen Sie hier?“
„Rauchen.“
„Ich meine in Xanadu.“
David dachte kurz nach.
„Leben. Lauschen. Fühlen. Suchen.“
„Wonach?“
David zuckte mit den Schultern.
„Xanadu behauptet, nach sich selbst. Ich bin mir da nicht so sicher.“
„Sie wohnen hier?“
„Manchmal.“
„Was heißt manchmal?“
„Manchmal wohne ich hier.“
Anne sah ihn an.
„Sie sind nicht besonders auskunftsfreudig.“
„Doch. Du stellst nur komplizierte Fragen.“
Jetzt waren sie also beim Du.
Vermutlich gehörte das ebenfalls zum Check-in.
„Und du?“, fragte David. „Warum bist du hier?“
„Workshop.“
„Das ist keine Antwort.“
Anne zog an ihrer Zigarette.
„Vielleicht möchte ich meine ursprüngliche weibliche Kraft befreien.“
David nickte ernst.
„Wo hast du sie eingesperrt?“
Anne sah ihn an.
Dann musste sie lachen.
Schon wieder.
Das gefiel ihr nicht.
„Du nimmst das alles nicht besonders ernst, oder?“
David zuckte mit den Schultern.
„Ich nehme die Menschen hier ernst.“
„Aber nicht das ganze Zeug.“
„Manches.“
„Was zum Beispiel?“
David überlegte.
„Dass Menschen irgendwohin fahren, um etwas zu suchen, das sie schon haben. Sie trauen sich bloß nicht, es zu benutzen. Dafür brauchen sie eine offizielle Erlaubnis. Die gibt es hier.“
Anne sah ihn an.
Für einen Moment wusste sie nicht, ob das ein Witz gewesen war.
„Und du schwimmst nackt in Seen, um Dinge zu finden, die du vorher ausgezogen hast?“
David grinste.
„Du lernst schnell.“
Vom Haupthaus ertönte ein Gong.
Anne sah auf ihre Zigarette.
„Was ist das?“
„Mittagessen.“
„Natürlich habt ihr einen Gong.“
„Früher hatten wir eine Glocke.“
„Und?“
„Zu aggressiv.“
Anne lachte.
David stand auf und drückte seine Zigarette im Blecheimer aus.
„Übrigens“, sagte er.
„Was?“
„Das hier ist der einzige wirklich geschützte Raum in Xanadu.“
Anne sah sich um.
„Die Raucherecke?“
„Hier hat mich noch nie jemand gefragt, was das gerade mit mir macht.“
Dann ging er.
Anne blieb noch einen Moment sitzen.
Sie sah ihm nach.
Nur kurz.
Dann etwas länger.
„Idiot“, sagte sie leise.
Diesmal war niemand da, der ihr spiegeln konnte, was das mit ihr machte.
Als Anne wenig später zum Haupthaus zurückging, fiel ihr zwischen den Bäumen etwas auf.
Ein Licht.
Sehr schwach.
Fast weiß.
Es schimmerte für einen Moment tief im Wald, dort, wo eigentlich nichts sein sollte.
Anne blieb stehen.
Das Licht verschwand.
Sie wartete.
Nichts.
Vielleicht eine Spiegelung.
Vielleicht ein Auto hinter den Bäumen.
Vielleicht war ihre ursprüngliche weibliche Kraft inzwischen halluzinogen geworden.
Der Gong ertönte ein zweites Mal.
Anne ging weiter.
Schließlich konnte man das Unerklärliche auch nach dem Essen klären.
Das war eine der wenigen spirituellen Regeln, an die sie uneingeschränkt glaubte.
Wird fortgesetzt im Liebeskunst-Netzwerk-Newsletter am 6. Oktober 2026
Hier geht es zu Folge 1, „Der Mann im See“
Bild: Gundula Vogel, Pexels
