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Interview: Felix Ruckert, Tänzer, Choreograph und Gestalter sexpositiver Räume

Felix moderiert einen täglichen Erfahrungsraum für Körperbewusstsein auf dem Farmfestival in Berlin (5. – 11. August)

Felix, wie sah dein Erstkontakt mit der Farm aus?

Saskia und Konstantin haben sich in der Schwelle7 kennengelernt, seitdem sind wir freundschaftlich verbunden. Ich glaube, das erste Mal war ich auf der Farm bei ihrer Hochzeit.

Was unterscheidet die Farm in deinen Augen von ähnlichen Erfahrungsorten?

Schwer zu sagen, dafür bin ich nicht oft genug da. Ganz oberflächlich scheint das Publikum etwas älter und mehr „Hippie“ als in meinen Räumen

Was wirst du auf dem Farmfestival anbieten?

Arbeit am Körperbewusstsein, ergebnisoffene Versuchsanordnungen an der Schnittstelle zwischen künstlerischen und BDSM-Praktiken.

Worauf fokussiert deine Arbeit?

Auf den individuellen Körper und den kollektiven Körper, auf die Erforschung individueller und kollektiver Sexualität – kreative Prozesse. Körperarbeit ist für mich ein vielschichtiger Begriff. Es geht um ein besseres Bewusstsein für den eigenen und für andere Körper, um Wohlbefinden und soziale Interaktion. Und um das Zusammenspiel von Körper und Geist, das lässt sich in der Körperarbeit nämlich nicht trennen.

Kann Sex die Welt befrieden? Wenn nicht, was würde dann helfen?

Sex verändert die Welt, ob uns das passt oder nicht. Aber es geht gar nicht um Sex, sondern um Intimität und Geborgenheit. Mehr davon kann was verändern. Das merkt man einfach an den Leuten, die zu uns ins IKSK kommen. Durch Körperarbeit fühlt man sich freier und ermächtigter. Es ist also eine Art Ventil, das sich sonst womöglich anders entladen würde. Auch sexueller Gewalt oder Konflikten kann vorgebeugt werden. Auch weil man bei uns lernt, über seine Sexualität und Bedürfnisse zu kommunizieren. Unser Körper ist unser Vehikel, das in sehr unterschiedlichen Formen auftritt. Heutzutage wird viel diskutiert über Diversität und unterschiedliche Körper und wie das unsere Gesellschaft prägt. Unser Hintergrund und unsere physische Erscheinung, ob wir alt oder jung, dick oder dünn sind, das sind alles Parameter, die auch die Geschichte und unser Sein in der Welt ganz stark prägen. Und so ist auch unsere Körperarbeit zu verstehen, als eine politische, soziokulturelle Aktivität.

Du gestaltest sexpositive Räume. Was passiert da?

Sexpositivität akzeptiert Sexualität als Teil unseres menschlichen Seins und Erlebens und gibt ihr Raum. Einen Platz, wo man sich damit auseinandersetzen kann, wo man offen damit umgeht, darüber redet, übt, sich weiterentwickelt. Das Tabu fällt weg. Sexualität gehört ja für gewöhnlich in den privaten Bereich und wird nur zwischen intimen Partnern verhandelt. Die sexpositiven Räume dienen dazu, sich frei zu entfalten und sich zu fragen, was die eigene sexuelle Identität ist. Um für mehr Freiheit, Gleichheit, Diversität und Emanzipation zu sorgen, muss dieser überaus wichtige Bereich unseres Seins mehr Aufmerksamkeit erhalten.

Ist das derzeitige Deutschland eher sexpositiv oder sexnegativ?

Es gibt in jedem Fall eine positive Entwicklung. Im internationalen Vergleich besteht in den Ländern mehr Offenheit, in denen es schon seit geraumer Zeit Emanzipation gibt, also in Europa, Skandinavien, in den USA und auch in Deutschland. Das ist immer so: Zuerst gibt es Demokratie, dann gibt es Emanzipation der Frau, dann gibt es Emanzipation von sexuellen Diversitäten. Damit findet Sexualität als Thema nach und nach auf immer mehr öffentlichen Ebenen statt.

Welche Werte stecken in deiner Arbeit?

Ganz klar die Gleichwertigkeit der Körper. Die meisten Diskriminierungen basieren auf dem Körper von Menschen. Auch dass wir unseren Körper besitzen, ist historisch gesehen noch relativ neu. Bis vor 100 Jahren war zum Beispiel der Körper der Frau im Besitz des Mannes. Und auch Körper von Männern haben anderen Männern mit mehr Macht und Einfluss gehört. Das ist teilweise in manchen Kontexten heute noch so. Etwa, dass der Staat mitredet, was du mit deinem Körper machen darfst oder nicht. Diese Idee, dass mein Körper mir gehört, gilt vielleicht in demokratischen Systemen mittlerweile als selbstverständlich, auf der psychologischen Ebene allerdings noch lange nicht.

Ein Fixpunkt deiner Arbeit ist Bondage. Warum?

Bondage ist sehr vielschichtig. Manchen Menschen geht es eher um den ästhetischen Aspekt, um visuelle Gestaltung, eine Schöpfung von Körper, Raum und Zeit. Für andere zählt mehr der emotionale Prozess beim Fesseln. Du musst dich hingeben, deinen Körper jemandem anvertrauen, der dich dann gestaltet und formt. Bondage heißt übersetzt Bindung – das passiert nicht nur durch die Seile, sondern auch auf einer emotionalen Ebene. Fesselnde und Gefesselte gehen eine Beziehung miteinander ein, die sich ständig um Beschränkung und Freiheit dreht. Das hat Rückwirkung auf die Psyche, wie du dich fühlst und wirkst. Deswegen ist Bondage für manche Menschen eher eine meditative Praxis. Andere lieben den Kampf, diese Dynamik zwischen Hingabe und Widerstand. Außerdem kann es physisch gesehen auch sehr herausfordernd sein – Hängungen sind körperlich sehr anstrengend.

Gibt es etwas, das alle Körperarbeit vereint?

Ein universales Phänomen der Körperarbeit ist, dass der Körper mehr und mehr Kommunikationsmittel wird. Früher war er mehr Produktions- und Arbeitsmittel. Die Darstellung des Körpers war sehr definiert durch Klasse und Beruf, durch das Geschlecht sowieso. Mittlerweile vermischt und löst sich alles auf – die Möglichkeiten, den Körper zu gestalten, haben sich enorm erweitert. Es gibt eine immer größere Diversifizierung der Identität. Dein Körper wird Mittel zum Ausdruck und zur Selbstoptimierung.

Wo kommst du beruflich eigentlich her?

Ich habe ursprünglich Tanz studiert und jahrelang als Tänzer und Choreograf gearbeitet. Das war für mich auch immer eine psychologische Auseinandersetzung mit dem Körper. Nach und nach habe ich meinen Horizont erweitert und unterschiedliche kreative Techniken in meine Arbeit einfließen lassen.

Was wäre vielleicht noch zu tun für dich: als Mann, als Mensch, als Kreativer?

Viel zu viel … Vielleicht ist weniger tun manchmal mehr?

Welchem Credo folgst du?

Einatmen, Ausatmen, Pause.

Vielen Dank, Felix. Wir sehen uns auf dem Farmfestival.


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